Wie du anderen Menschen wirklich hilfst

Wir kennen es alle, ein guter Freund oder ein Familienmitglied befindet sich in einer verzwickten Situation und wir sind felsenfest davon überzeugt, dass er oder sie wohl kaum zufrieden damit sein kann.

Manchmal weiß die jeweilige Person ganz genau in welchem Schlamassel sie steckt und bittet uns um Hilfe, manchmal sind wir erstaunt von der anscheinenden Resignation oder Blindheit.

Ich habe in den letzten Monaten Geschichten lieben gelernt und werde auch diesmal wieder eine kleine mit euch teilen. Sie versinnbildlicht wunderbar, wie beide Parteien sich in einer solchen Situation fühlen können.

Es lebten vor langer Zeit zwei Mönche. Sie waren Jahrzehnte lang befreundet gewesen und hatten viele wundervolle Erlebnisse miteinander verbracht. Nach einem Leben voller selbstloser Aufopferung, bemerkenswerten Mitgefühl und Liebe, die sie jedem entgegenbrachten, der ihren Weg kreuzte, war es an der Zeit für sie ihren Körper zu verlassen und wiedergeboren zu werden.

Der erste Mönch konnte sein Glück kaum fassen. Er wurde als Gottheit wiedergeboren und lebte fortan im himmlischen Reich. Doch er wollte sein wunderbares Schicksal nicht alleine genießen. Er schaute sich voller Sehnsucht und Ungeduld nach seinem langjährigen Freund um, konnte ihn bedauerlicher Weise jedoch nirgends finden.

Er kam zu dem Schluss, dass sein Weggefährte sein neues Leben wohl auf Erden verbringen musste und begann jedes Fleckchen Land nach ihm abzusuchen, um ihn wiederzufinden. Leider vergeblich, er war einfach nicht auffindbar. Auch seine Recherchen im Tierreich blieben erfolglos. Er wollte sich nicht damit zufrieden geben, so sehr sehnte er sich nach seinem Freund. Er begann nun auch im Reich der Kriechtiere weiter zu suchen, obwohl er sich sehr gewundert hätte ihn dort aufzufinden.

Er traute seinen Augen nicht, als er ihn tatsächlich endlich wiederfand. Er wurde wiedergeboren als Wurm und lebte, sein als göttliches Wesen wiedergeborener Freund konnte es kaum glauben, in einem Misthaufen. „Mein lieber und treuer Freund. Erinnerst du dich an mich? Du wirst es kaum glauben, ich lebe nun im himmlischen Reich und es ist der herrlichste Ort, den man sich vorstellen kann! Komm mit und folge mir, damit ich dir dieses Paradies zeigen kann.“ Er wollte seinen Gefährten unbedingt aus seiner augenscheinlichen Misere befreien. Doch der Wurm war partout nicht dazu bereit seinen Misthaufen zu verlassen. „Das himmlische Reich? Was soll ich da? Gibt es da auch Mist? Ich fühle mich hier pudelwohl. So schön warm und behütet habe ich mich selten gefühlt. Lass mich in Ruhe, ich komme nicht mit!“

Die Gottheit war davon überzeugt, dass der Wurm es besser begreifen würde, wenn er das himmlische Reich erst einmal gesehen hätte und fing an freudig nach ihm zu graben. Als er ihn endlich rausgefischt hatte, krümmte und wehrte sich sein Freund lauthals. Er schaffte es sich zu befreien und schlüpfe wieder in seinen Mist.

An Aufgeben war nicht zu denken und schon grub das göttliche Wesen seine Hände wieder hinein und wollte den Freund guten Willens von seinem kläglichen Schicksal befreien. Er versuchte es immer und immer wieder und jedes Mal konnte der Wurm sich krümmend aus dem Staub machen.

Schließlich, nach unzähligen Versuchen, überließ er seinen Freund resigniert seinem Mist bzw. seinem Schicksal.

Auch wenn wir manchmal davon überzeugt sind, genau zu wissen was unser Gegenüber braucht, wir können doch nie in die jeweilige Person hineinfühlen. Hinzu kommt, dass unerlaubte Hilfeleistungen, den Lösungsweg meistens behindern. Wir unternehmen alles erdenklich Mögliche, um einen geliebten Menschen aus seinem Schlamassel zu holen, aber es ist essenziell einzusehen, dass es manchmal genau der Ort ist, an dem er oder sie sich gerade befinden möchte.

Wir investieren Zeit, Energie und Geld, um unser Gegenüber zu erlösen und sind im Nachhinein auch noch enttäuscht, wenn er oder sie uns nicht die jeweilige Dankbarkeit für unsere unermüdlichen Leistungen entgegenbringt.

Das Problem bei der ganzen Sache ist, dass wir manchmal gar nicht so selbstlos handeln wie wir es vorgeben. Wenn wir unbedingt jemandem helfen wollen, der keine Hilfe sucht, gehen wir davon aus klarsichtiger zu sein als er. Unbewusst fühlen wir uns mit unserem Wissen überlegen und das Gefühl von jemandem gebraucht zu werden, erzeugt eine gewisse Genugtuung in uns. Wir steigern unseren Selbstwert und dieses Verlangen führt manchmal sogar zu einer gewissen Sucht.

Doch die Wahrheit ist, wahre Freundschaft und wahre Liebe bedeuten auch, sein Gegenüber eigene Erfahrungen in jeder Situation machen zu lassen. Das heißt manchmal auch, die Person geradewegs gegen eine Wand laufen zu lassen. Tatsächlich, so verrückt es für uns auch sein mag, wir müssen sie ziehen lassen. Das stellt wahre Hilfe dar. Nur so kann dieser Mensch Einsicht erfahren, wachsen und seinen wahren Weg kennenlernen.

Ich weiß nur allzu gut wie schwer das ist. Es gab schon so oft Situation in meinem Leben in denen ich scheinbar den totalen Durchblick gegenüber einer bestimmten Situation hatte. Zum Beispiel, wenn sich ein Familienmitglied in Geldnot befindet oder eine gute Freundin eine Beziehung zu einem Mann eingeht, der ihr partout nicht gut tut.

Manchmal ist unser Gegenüber in der Hinsicht blind und leidet nicht. Na ja, dann umso besser. Wenn er oder sie sich aber fortwährend beklagt, war ich immer mit unzähligen Ratschlägen gewappnet: „Leg dir doch einen Plan an, indem du einen besseren Überblick über deine Finanzen hast. Du kontrollierst viel zu viel, versuche die Sache mit mehr Vertrauen anzugehen. Er tut dir nicht gut, ich denke es ist besser wenn du ihn ein für allemal aus deinem Leben streichst.“

Wir helfen Menschen nicht, wenn wir für sie tun, was sie selbst tun können.

Letztendlich gehen die scheinbar selbstlose Aufopferung und die unendlichen Tipps meistens nach hinten los. Unser Gegenüber will oder kann unseren Aufruf einfach nicht hören. Außerdem, nur weil etwas uns gut tun würde, heißt es noch lange nicht, dass es für jemand anderen auch der Fall ist. Wir müssen manchmal auf die Nase fallen, um wachgerüttelt zu werden und aus unserem Schlafwandeln aufzuwachen.

Als ich begann mich mit persönlicher Weiterentwicklung zu beschäftigen und unter anderem mit Meditation oder Yoga, war ich oft dazu verleitet geliebten Menschen davon überzeugen zu wollen, wie gut das Ganze auch ihnen tun würde. Ich erzählte wie wunderbar es mir seit dem geht, wie viel Leichtigkeit, Kraft und Vertrauen ich in meinem Leben verspüre. Ich war nie geizig mit meinen Ratschlägen. Aber Fakt ist, solange unser Gegenüber nicht explizit um Hilfe bittet, bringt alles gute Zureden nichts.

Es ist essentiell anderen Menschen ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen, egal wie schmerzhaft diese manchmal auch sein mögen. Diese werden ihnen helfen zu wachsen und ihnen ermöglichen sich auf ihrem Weg zu festigen. Manchmal kommt die Einsicht nach ein paar Wochen oder Monaten, manchmal kommt sie nie, aber wir können es niemals als unsere Aufgabe betrachten eine andere Person von ihrem Schicksal zu erlösen. Denn wir können unsere Hand liebevoll zur Unterstützung anbieten, doch letztendlich strebt jede Seele danach ihren Weg alleine zu gehen.

Love, Christine ❤

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