Was Stille erzählt

Wann warst du das letzte Mal allein und lediglich umgeben von Stille? Erschreckende Vorstellung? Für mich war es das tatsächlich lange Zeit.

Das Erste was ich machte, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, war den Fernseher anzuschalten. Ich wollte etwas hören. Egal was. Bloß ein Hintergrundgeräusch. Das wurde jahrelang zu einem wahrhaften Automatismus. Ich begriff nicht was da eigentlich vor sich ging und dass sich dieses Verhalten zu einer regelrechten Sucht entwickelt hatte.

Sogar wenn ich Gäste hatte, war es mir unangenehm, weder das Radio noch den Fernseher laufen zu lassen. Wenn während der Gespräche Pausen entstanden, war die Stille für mich kaum zu ertragen. Sie hielt sich zudem nie im Hintergrund. Sie wollte immer ganz vorne mitspielen und wurde zunehmend präsenter. Sie machte mich unglaublich nervös. Ich sah nicht ein, weshalb ich mir dieses Unbehagen gefallen lassen sollte. So wurde wieder schnell etwas angeknipst, damit ich meine „Ruhe“ hatte.

Wie gesagt, selbst wenn jemand gegenüber von mir saß, war ich stets darauf erpicht, der Stille keinen Platz einzuräumen. Sie war gegen mich, davon war ich überzeugt und ihr einziges Anliegen bestand darin, mir ein unangenehmes Bauchgefühl von Angst und Leere zu verpassen.

Sonntage waren für mich lange Zeit der totale Horror. Wenn ich dann weder etwas mit Familie oder Freunden geplant hatte, wenn jegliche Serien schon durchgeschaut und Social Media stundenlang rauf und runter gescrollt war, wenn jegliche Aktivitäten mir keine Freude bereiteten, gelangte ich oft an einen absoluten Tiefpunkt. Dann saß ich da, blickte aus dem Fenster und hoffte inständig der Tag möge so schnell wie möglich vorbei gehen.

Was die Stille mir erzählte? Na ja, wenn ich es tatsächlich zuließ, dass sie mit mir sprach, stellte sie mir immer die gleiche Frage: „Wie geht es dir?“.

Gerade diese Frage, war für mich so erdrückend und unerträglich. Denn ja, ich war gesund, hatte ein Dach über dem Kopf, hatte liebevolle Freunde und Familie, war finanziell abgesichert, doch irgendwie ging es mir in meinem tiefen Inneren nicht gut und ich war oft traurig.

Ich hatte angesichts der heutigen äußeren Reize und unerschöpflichen Möglichkeiten die perfekte Technik entwickelt, um diesem Gefühl keinen Raum zu überlassen und es im wahrsten Sinne des Wortes wegzudrücken.

Aber die Wahrheit ist, und das wissen wir insgeheim alle, dadurch wird es nicht besser. Im Gegenteil, es verschlimmert sich von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr. Die scheinbar aufrechte Fassade fängt an zu bröckeln. Die Stille wird immer lauter und erdrückender. Sie will, dass wir hinsehen auf unsere unverheilten Wunden.

Lange Zeit begriff ich nicht, was die Stille bezwecken wollte. Sie war für mich lediglich ein unerwünschter Gast, der mich verletzte und darauf aufmerksam machte, was ich alles nicht hatte in meinem Leben.

Ich war davon überzeugt, dass sie eine Verbündete des Mangels sei und dass durch sie nur noch mehr Mangel entstand. Als mir plötzlich bewusst wurde, dass genau das Gegenteil der Fall ist, fing ich an sie mit offenen Armen in meinem Leben zu begrüßen.

Die Stille ist eine Verbündete der Schöpfung.

Mittlerweile liebe ich es der Stille zu lauschen. Besonders in der Natur brauchen wir nur einen kurzen Moment innezuhalten, um uns bewusst du werden, dass wir umgeben sind von Leben. Das Rascheln der Blätter im Wind, das Plätschern des nahegelegenen Baches, das Hüpfen eines Eichhörnchens im Unterholz, der wunderschöne Vogelgesang sowie die wärmenden Sonnenstrahlen auf unserem Gesicht.

Selbst wenn scheinbar nichts zu hören ist, lässt sich eine gewisse Vibration wahrnehmen. Wir erblicken ringsherum keinen Widerstand. Frieden entsteht und das unendliche Gedankenkarussell in unserem Kopf beruhigt sich. Wir brauchen nichts mehr zu tun, wir können einfach nur sein.

Stille ist nicht das Fehlen von Geräuschen. Stille ist der Ursprung von unendlichem Potenzial und unbegrenzten Möglichkeiten.

Nur in Stille und nur durch sie können wir endlich unsere ganze Schöpferkraft und unser wahres Potenzial entdecken. Nur durch sie keimen inspirierende Ideen auf und dank der Stille treten unsere längst vergessenen und verdeckten Träume an die Oberfläche.

Ich wusste bisher nie, wie es auf meinem Blog weitergeht, nachdem ich einen Artikel veröffentlicht hatte. Nicht zu wissen, welches Thema ich als nächstes aufgreifen würde, bereitete mir am Anfang ziemliche Sorgen. Die Liebe zum Schreiben wuchs von Tag zu Tag. Was wäre also wenn plötzlich eine regelrechte Blockade entstand?

Doch bisher blühten immer neue unerwartete Ideen auf. Besonders in der Stille und vor allem während dem Meditieren, bin ich viel empfänglicher für die Themen, die mich gerade beschäftigen.

Ich versuche der Außenwelt nicht mehr so viel Aufmerksamkeit zu schenken und auf mein Herz zu hören. Wenn wir die Reizüberflutung weniger werden lassen und anfangen stiller Beobachter zu werden, geben wir unserer Schöpferkraft endlich die Möglichkeit, sich vollkommen zu entfalten.

Inzwischen habe ich den Fernseher bei mir abgeschafft und das Radio läuft eher selten. Das Verlangen nach Hintergrundgeräuschen ist verebbt. Wenn Gäste zu Besuch sind, versuche ich ihnen meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken und dem Klang ihrer Stimme zu lauschen.

Ist dir schon einmal die Stille zwischen zwei Worten aufgefallen? Oder diese Lücke zwischen zwei Atemzügen? Wurdest du dir manchmal des Raumes bewusst in dem jedes Geräusch und jeder Klang entsteht?

Höre hin und dir wird klar, dass Stille dir so viel zu sagen hat.

Love, Christine ❤

2 Gedanken zu “Was Stille erzählt

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