Das Gesetz der Unbeständigkeit

Bist du in deinem Leben schon mal Fallschirm gesprungen? Wenn ja, weißt du welch ein überragendes und unglaubliches Gefühl das ist. Ich hatte das Glück letzten Sommer meinen ersten Sprung zu wagen.

Ich war so überwältigt von den unzähligen Emotionen, die meinen Körper durchrasten. Das Adrenalin verursachte, dass ich die ganze Welt hätte umarmen können. Wäre mir angeboten worden noch einmal zu springen, ich hätte keine Sekunde gezögert. Ich fühlte mich lebendig, unendlich frei und unsagbar glücklich.

Umso hoch mein Gefühlspegel an dem Tag gestiegen war, umso tiefer fiel ich am nächsten Tag. Ich konnte logisch schlussfolgern, was in meinem Körper passiert war. Das Adrenalin, das mich beflügelt hatte, war längst verpufft und nun saß ich da, zwar immer noch stolz und froh, den Schritt gewagt zu haben, aber mit dem unglaublichen Verlangen mich wie am Vortag zu fühlen, jede Zelle meines Körpers spürend.

Es ist nichts beständiger, als die Unbeständigkeit.

Im Buddhismus wird die Unbeständigkeit beschrieben als eine der Eigenschaften aller Dinge. Wir sind uns dessen bewusst und verstehen, was der Buddhismus damit meint… aber trotzdem hängen wir an Menschen, Dingen, Augenblicken, die in uns eine bestimmte Emotion auslösen, immer wieder fest.

Wir wollen mehr davon, wenn sie wunderschön sind und uns beflügeln. Wir sträuben uns und wünschen sie weg, wenn sie uns unglücklich machen. Wir hegen Verlangen nach oder Abneigung gegen alles was uns umgibt und welche Emotionen infolgedessen in uns ausgelöst werden. Das ist letztendlich der Grund, weshalb wir Menschen immer wieder leiden.

Just observe.

Während eines 10-tägigen Schweige-Retreats namens Vipassana bekam ich die Gelegenheit, dass Gesetz der Unbeständigkeit selbst zu erfahren. Für meinen Körper, meinen Geist und meine Seele waren es wahrscheinlich die 10 herausforderndsten, aber gleichzeitig auch wunderschönsten Tage in meinem Leben.

Bei dieser buddhistischen Meditationstechnik geht es darum, sich als Beobachter von seinen Gefühlen, Empfindungen und Gedanken, deren Unbeständigkeit bewusst zu machen.

Es kann zu einer wahrhaften Herausforderung werden, das Aufsteigen und Verschwinden, vor allem von negativen Empfindungen und Gefühlen, mit Gleichmut zu beobachten.

Während dieser 10 Tage ging ich die Gefühlsleiter tatsächlich auf und ab. Von Zweifel zu Vertrauen, von Trauer zu Freude, von Langeweile zu Motivation, von Unverständnis zu Einsicht, von Angst zu Liebe und umgekehrt. Auch mein Körper meldete sich mit Schmerzempfindungen lauthals zu Wort.

Und das sollte ich tatsächlich während 10 Tagen alles über mich ergehen lassen ohne jegliche Einwände,… in Stille?

Es ist schier unmöglich Vipassana mit Worten zu erklären, denn eine solche Erfahrung geht über simple Worte und detaillierte Erklärungen hinaus. Alles spielt sich in uns ab und ein solches Erlebnis ist für jeden einzigartig. Aber eines hatten wir Meditierenden tatsächlich alle gemeinsam. Am eigenen Körper und im eigenen Geist zu erfahren, dass einfach nichts von Dauer ist.

The possibilities are numerous once we decide to act and not react.

Im Alltag ist es gar nicht so einfach den nötigen Abstand zu unseren Gefühlen und Gedanken zu bewahren. Auch körperliche Schmerzen lassen und manchmal wahnsinnig werden und wir können nicht anders, als unsere ganze Aufmerksamkeit auf sie zu richten. Wir reagieren nur noch, anstatt bewusst zu agieren. Wir lassen uns mitreißen und das Leid, welches durch unsere Abneigung oder unser Verlangen entsteht, ist kaum zu stoppen.

Aber was wäre, wenn das Lebens uns die Möglichkeit gäbe, auch im Alltag unsere Gedanken und Empfindungen aus sicherer Entfernung zu beobachten?

Das Leben ist letztendlich wie ein großer See. Wir können uns entschließen, uns an den Rand dieses Sees zu stellen, um neugierig zu erforschen, welch interessante Gedanken und Empfindungen dort so rumschwimmen. Wir bekommen so die Gelegenheit, sie auf spielerische Weise zu beobachten und festzustellen, welche Farbe sie zum Beispiel haben, wie groß, wie schwer oder wie leicht sie aussehen.

Der See ändert sich ständig. Vor ein paar Minuten, ja sogar noch vor einer Sekunde sah er völlig anders aus als jetzt, im gegenwärtigen Augenblick.

Was passiert, wenn wir an dem was dort so rumschwimmt festhalten?

Es zieht uns auf den Grund… und wir leiden.

Was passiert, wenn wir es mit aller Kraft von uns wegdrücken?

Wir verlieren unsere ganze Kraft… und leiden wieder.

Wenn wir uns bewusst werden, dass all dies einzig und allein von uns wahrgenommen werden will, um dann in aller Ruhe zu verschwinden, entsteht innerer Frieden.

Dieser See ist dein Bewusstsein. Unaufhörliches Erscheinen und Verschwinden… ganz ohne dein Zutun. Du bist nicht was dort rumschwimmt. Du bist das kristallklare Wasser, welches alles umgibt.

Du bist der unendliche Raum, der alles umgibt. Du bist dieses Bewusstsein.

All unsere Gefühle und Empfindungen haben nichts Beständiges. Der Moment, in dem wir loslassen, ist der Schlüssel. Alles gerät in ein perfektes Gleichgewicht.

Wenn du das nächste Mal merkst, wie sehr du dir ein Gefühl herbeisehnst oder es im Gegenteil unbedingt vermeiden willst, versuche einen Moment innezuhalten.

Stell dich an den Rand des Sees und beobachte neugierig, was dort alles so rumschwimmt. Du wirst verblüfft feststellen, wie erforschenswert dieser See doch ist. Und, dass die Gedanken und Emotionen tatsächlich von ganz allein zu dir hinüberschwimmen werden, um dann in aller Ruhe wieder zu verschwinden.

Love, Christine ❤

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