Die Angst vor der Angst

„Hallo Geert.  Ich schreibe dir, weil ich mich nicht sehr wohl fühle.  Ich habe letztendlich für Sonntag ein Shooting eingeplant, um mich meiner Angst zu stellen.  Ich war motiviert und zuversichtlich, aber als ich am nächsten Tag wach wurde, hatte ich totale Bauchschmerzen und furchtbare Angst.

Während der Woche war ich beschäftigt und am Wochenende war ich mit Freunden unterwegs, also habe ich weniger dran gedacht, aber heute war ich allein…  Ich habe versucht mich zu beschäftigen.  Ich war laufen, habe den Haushalt gemacht und war einkaufen.  Aber plötzlich hatte ich keine Kraft mehr und alles in mir, ist in sich zusammengebrochen. 

Ich bin deine 6 Schritte durchgegangen und habe es geschafft mich ein bisschen zu beruhigen.  Ich habe mir auch die 1. Sitzung nochmal angehört, damit deine Worte mich andauernd begleiten. 

Ich will nicht, dass diese Angst mein Leben kontrolliert.  Ich sage mir, dass egal was passiert, es okay ist, dass ich nicht sterben werde…

Ich weiß, dass ich Sonntag eine Panikattacke haben werde, da ich mich meiner Angst stellen werde und das ist so schwer für mich… 😦

Ich weiß, dass ich mich ihr stellen muss.  Dass dann erst der erste Schritt in Richtung Heilung gemacht ist, aber ich habe solche Panik es nicht zu schaffen.  Ich habe solche Angst…“.

Es fällt mir manchmal schwer zu glauben, dass diese Zeilen an meinen damaligen Coach, tatsächlich von mir stammen.

Ich hatte 2013 gerade eine Fortbildung als Make-up Artist abgeschlossen und bekam bald die Gelegenheit auf einem Fotoshooting zu arbeiten.  Nur gab es da ein kleines Problem…

Ich war völlig terrorisiert bei der Vorstellung an einem mir unbekannten Ort arbeiten zu müssen und war fest davon überzeugt, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein.  Ich würde es nicht schaffen, jeder würde merken, dass ich nicht gut genug bin und mein Körper würde versagen.

Dieser gab mir unmissverständlich zu verstehen, dass ich es mit Gefahr zu tun hatte, indem er sich in Alarmbereitschaft versetzte.  Er wollte mich schützen, vor all dem, was mir hätte zustoßen können, sei es physisch oder psychisch.

Meine Verdauung versagte komplett, ich konnte mich auf nichts anderes mehr konzentrieren als auf das, was in meinem Körper vor sich ging.  Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, mein Kopf dröhnte, mir wurde schwindelig, ich schluchzte laut auf.  Die Tränen liefen mir die Wangen hinunter, ich bekam keine Luft mehr, hyperventilierte, ich hörte nichts mehr und zitterte am ganzen Körper.

Ich war nicht mehr ich selbst. Ich konnte keinen einzigen klaren Gedanken mehr fassen. Die Angst hatte mich vollends in ihren Bann gezogen.  Ich wollte, dass es endlich aufhört! Ich wollte nichts mehr fühlen.

Ich sagte das Shooting ab.    Die betäubende Panik wurde letztendlich von unbeschreiblicher Scham abgelöst.  Ich schämte mich so sehr es mal wieder nicht geschafft zu haben.  Ich wollte in dem Moment nur noch versinken, schlafen und an nichts mehr denken.

Viele Menschen können so eine Art von Geschichte nicht nachvollziehen, weil sie sowas einfach noch nie erlebt haben.  Für andere mag sie banal klingen.  Aber für mich, war diese Geschichte, die mich jahrelang begleitete, alles andere als banal.

Angst und Panik waren meine ständigen Begleiter.  Als diese mein Leben so sehr beeinträchtigten und ich dann irgendwann nicht mehr weiterwusste, ließ ich mir 2009 von meinem damaligen Hausarzt Antidepressiva verschreiben.  Ich wollte die mir unerträglichen Zustände abschalten.

Ich war ruhiggestellt und nahm in kauf diese Tabletten 4 Jahre lang zu nehmen, bis ich mich entschlossen genug fühlte diese wieder abzusetzen, um der Angst nicht mehr länger zu ermöglichen mein Leben zu dirigieren.

So weit so gut.  Mein mangelndes Selbstbewusstsein und fehlendes Urvertrauen machten die ganze Sache nicht besser. Vor allem in mir unbekannten Situationen lauerten Angst und Unruhe mir auf.  Doch auch unter „normalen“ Verhältnissen ließen sie mich nicht in Frieden.

Es genügte ein falsches Wort, ein komischer Blick und es konnte passieren, dass ich ein Treffen plötzlich verließ, weil ich mich nicht mehr wohl fühlte.  Ich wollte nur noch nach Hause an einen „sicheren Ort“.  Sei es mit Freunden, Familie, Arbeitskollegen…  also Menschen aus meiner nächsten Umgebung, die alles andere als eine Gefahr darstellten.

Wenn es mich dann an Orte verschlug, die ich nicht kannte, wo viele Menschen waren oder ich meine Fähigkeiten unter Beweis stellen musste, war es nicht selten, dass ich im letzten Moment alles absagte, wie es bei dem Shooting der Fall gewesen war.

Wenn ich beschreiben müsste, was innerlich in mir abging, trifft es Teufelskreis wohl am besten.  Ich war hochsensibel für jede Empfindung in meinem Körper und analysierte jede noch so klitzekleine Veränderung.  Mein Magen, der sich zuschnürte, mein Herz, das schneller klopfte, das Gefühl nicht mehr so gut Luft zu bekommen, einen heißen Kopf, schwitzige Hände, Schwindel.

Jede dieser Regungen ließen direkt das Gedankenkarussell in meinem Kopf losrattern, das mir unmissverständlich mitteilte, dass es wohl klüger wäre an einen sicheren Ort zurückzukehren.

Nur damit nicht genug, diese negativen und ängstlichen Gedanken brachten meinen Körper dazu, sich nur noch mehr in Alarmbereitschaft zu versetzen.  Diese verursachten wiederum noch mehr schlimmere Gedanken und so weiter.  Der Teufelskreis war perfekt.  Bis ich schnurstracks meine Sachen packte und den Ort verließ, an dem ich war.

Solche Erlebnisse waren lange Teil meines Lebens, was dazu führte, dass ich mein Dasein auf Erden wie auf Sparflamme verbrachte.  Mittlerweile und dabei handelt sich um einen wahrhaften Prozess, ist die Angst zu einer Art entfernten Verwandten geworden.

Ich verbringe ab und zu Zeit mit ihr, aber kann ihr auch respektvoll mitteilen, wann es reicht und sie ruhigen Gewissens gehen kann.  Sie versucht mich immer noch von manchen Projekten abzubringen, weil sie mich schützen will.  Ich danke ihr, dass sie mir all die Jahre beigestanden hat, aber gebe ihr nun unmissverständlich zu verstehen, dass letztendlich nur noch mein Herz entscheidet.

Viele Menschen denken sie seien mit solchen Erfahrungen allein und sind der Überzeugung, dass keiner versteht was da innerlich in ihnen abgeht.  Sie vertrauen sich niemandem an und kapseln sich immer mehr ab. Sie wünschen sich Normalität, doch sie verschließen sich, weil sind davon überzeugt sind, dass es keinen Ausweg gibt.

Doch ich bezeuge hiermit, dass es tatsächlich einen Ausweg gibt.   Der Weg hin zu Liebe und Vertrauen,  war für mich wahrscheinlich der schwerste, den ich gehen konnte, aber der einzige, um den es sich wirklich lohnt zu kämpfen.

With heart and soul,

Christine ❤