Der Weg der Vergebung

Gibt es einen Menschen in deinem Leben, mit dem die Kommunikation im Moment ziemlich schwierig ist? Diese Person hat etwas gesagt oder getan, was dich zutiefst verletzt hat.

Wenn du daran denkst, steigen Trauer und Wut in dir auf und du begreifst einfach nicht, wie jemand so handeln konnte. Du weißt, dass du an der Stelle von dieser Person niemals so agiert hättest.

Du bist davon überzeugt, das Wohl des anderen immer miteinzubeziehen. Du verstehst nicht, wie jemand so rücksichtslos und gemein sein konnte. Er oder sie musste doch ganz klar wissen, was das für dich bedeuten würde. Und, dass dieses Ereignis, diese Worte, dein ganzes Leben beeinflussen würden.

Viele von uns wissen oder haben selbst miterlebt, dass eine Kindheit nicht immer rosarot verläuft. Abwesende, streitsüchtige Eltern und Gewalt (sei es physisch oder verbal) sind keine Seltenheit. Solche Situationen, besonders im frühen Kindesalter beeinflussen unser ganzes Leben und den Menschen, der wir sein werden. Ob wir es wollen oder nicht.

Über die Jahre hinweg verfolgen uns unterdrückte Wutgefühle, eine gewisse Hilflosigkeit und Trauer. Wir sind der festen Überzeugung, dass unser Leben dermaßen besser verlaufen würde, wenn wir unsere Kindheit anders verbracht hätten. Wir sind doch bloß Opfer der Umstände…

Unser Alltag verschont uns mit diesen unangenehmen Situationen und Gefühlen ebenfalls nicht. Ein Konflikt am Arbeitsplatz, ein Streit in der Familie, eine Meinungsverschiedenheit mit unserem Partner oder einem Bekannten.

Wir stehen alle in Beziehung zueinander. Verletzungen und Konflikte gehören zum Leben dazu und es wäre utopisch zu glauben, jemals von ihnen verschont zu bleiben.

Doch wir haben tatsächlich immer die Wahl und dürfen entscheiden, wer wir sein wollen in Bezug zu ihnen.

Es geht nicht allein darum sich vorzunehmen nichts mehr persönlich zu nehmen oder sich von seinen Gefühlen abzuspalten. Es geht vielmehr darum identifizieren zu können, wann eine Verletzung wirklich uns gehört. Es geht darum, zu entscheiden ob und wie wir diese Last ablegen wollen. Zu unserem ganz eigenen Wohl.

Nicht zu vergeben, ist als würdest du Gift trinken in der Hoffnung, dass der andere stirbt.

Der einfachste, doch für viele von uns gleichzeitig schwierigste Weg diesen schweren Rucksack endlich abzuwerfen, ist Vergebung.

„Ich soll diesem Menschen vergeben? Das meinst du doch jetzt nicht wirklich ernst, oder? Ich habe mein ganzes Leben gelitten deswegen. Das, was diese Person mir angetan hat, hat mich zutiefst verletzt. Jetzt soll ich ihr auch noch dieses Geschenk machen und ihr vergeben? Niemals. Ich kann nicht. Und ich will auch nicht.“.

Unser Ego meldet mich unweigerlich zu Wort und fordert unsere ganze Aufmerksamkeit. Wer wären wir denn noch, wenn wir diesem Menschen vergeben würden? Bzw. was würde mit dieser Stimme, unserem inneren Kritiker, unserem Ego passieren, wenn wir vergeben würden? Diese Stimmen versuchen doch schließlich nur uns zu beschützen…

Es gibt Verletzungen, dessen Ursprung nicht jahrelang zurückliegt. Heute, gestern, vor einer Woche. Sie sind ganz frisch. Wir haben definitiv nicht mit ihnen gerechnet und wurden überrumpelt.

Unser Partner, ein guter Freund, ein Arbeitskollege. Bis dahin lief doch eigentlich alles wie am Schnürchen und wir waren glücklich.

Doch eine Aussage, eine Tat, wirbelt die ganze Situation herum. Das Leben fordert uns heraus. Wir fühlen uns plötzlich hintergangen, betrogen, traurig, wütend, wir empfinden Scham. Diese Gefühle haben uns alle schon durchlaufen.

Es ist alles andere als einfach in einer konfliktreichen Situation einen klaren Kopf zu bewahren, doch manche Fragen ermöglichen uns tatsächlich aus diesem Gefühlschaos auszubrechen und die Situation aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

„Gehören diese Gefühle wirklich mir? Welcher Teil von mir wurde verletzt? Kann das, was ich tief im Innern bin, überhaupt verletzt werden? Wenn diese Verletzung wirklich mir gehört, wie kann ich sie heilen? Ist es mir möglich zu vergeben?“.

Besonders wenn ein Mensch uns sehr nahesteht kann es passieren, dass Gefühle zu uns überschwappen, dass das Energiefeld des anderen mit dem unseren kollidiert.

In diesem Augenblick sind es nicht wir, die verletzt sind. Die Wut, die wir spüren gehört nicht uns.

Was wäre, wenn die Wut, die uns durchläuft, diesem anderen Menschen gehört und er sie gerade verzweifelt gegen sich selbst richtet? Was wäre, wenn dieses unangenehme Ziehen in unserem Bauch und in unserer Kehle, die Scham widerspiegelt, die unser Gegenüber quält? Oder jede einzelne Träne, die unsere Wangen hinunterläuft, die Verzweiflung ausdrückt, welche diesen Menschen begleitet für das, was er uns angetan hat?

To forgive, ist he highest, most beautiful form of love. In return, you will receive untold peace and happiness. – Robert Muller

Viele von uns denken, Vergebung bedeutet diesen einen Menschen wieder in unser Leben zu lassen, so zu tun, als wäre nichts gewesen und wieder Zeit mit ihm verbringen zu müssen.

Doch darum geht es überhaupt nicht. Eine erneute Kontaktaufnahme ist nicht zwingend notwendig. Denn es geht in diesem Prozess einzig und allein um uns.

Andere denken, dass es von Schwäche zeugt einem anderen Menschen zu vergeben. Dass es die Toren öffnet für noch mehr Verletzungen. Viele möchten nicht wahrhaben, dass genau das Gegenteil der Fall ist.

Vergebung bedeutet über sich hinauszuwachsen. Vergebung bedeutet Befreiung. Vergebung bedeutet das Loslassen einer unsagbaren Last. Vergebung bedeutet sich bewusst zu machen, dass es keinen Teil in uns gibt, der wirklich verletzt werden kann. Und schließlich bedeutet Vergebung, den beispiellosen Ausdruck von Selbstliebe.

With heart and soul,

Christine ❤